„Kämpferisch aber nicht fanatisch“

Chimamanda Ngozi Adichie mit „Glas der Vernunft“ geehrt

Die Nigerianerin Chimamanda Ngozi Adichie hat am heutigen Sonntag im Staatstheater Kassel den mit 10.000 Euro dotierten Bürgerpreis „Glas der Vernunft“ erhalten. Damit ehrt die Jury eine Schriftstellerin, deren Werke inzwischen zur Weltliteratur zählen und die in 37 Sprachen übersetzt wurden. Adichie sei eine kämpferische – aber nicht fanatische – Feministin, so formulierte es Bernd Leifeld, Sprecher der 18-köpfigen Jury. Ihre Vision einer humanistischen Vielfalt sei getragen von starken Persönlichkeiten, die „Andere und das Andere als Bereicherung wertschätzen und annehmen“.

Barbara Lochbihler, bis Juni Mitglied des Europäischen Parlaments und engagierte Kämpferin für Menschenrechte, sagte in bei der Preisverleihung in Kassel, Adichie selbst habe sich einmal als „eine glückliche, afrikanische Feministin“ bezeichnet. Die international erfolgreiche Schriftstellerin bekämpfe den offenen und verdeckten Rassismus, die immer noch vielfältigen Klischees des weißen Mannes und die oft negativen Darstellungen von Afrika in westlichen Medien – „und zwar besonders dann, wenn Afrika auf eine einzige Katastrophe reduziert wird“. Adichie habe alle aufgefordert, feministisch zu sein – „und dies nicht verschämt verstecken“.

Chimamanda Ngozi Adichie wurde 1977 in Nigeria geboren; sie wuchs dort als fünfte von sechs Töchtern in einer Akademikerfamilie auf, ging dann mit 19 Jahren zum Studium in die USA. Heute lebt sie in Nigeria und in den USA, ist verheiratet und hat eine Tochter.
Zu ihren bekanntesten Werken gehört der international gefeierte Roman „Americanah“: eine romantische und trotzdem hochpolitische Liebesgeschichte zwischen zwei Welten, mit allen Nuancen von Rassismus und Diskriminierung. In ihren Werken prangert Adichie, die mit zahlreichen renommierten Preisen ausgezeichnet wurde, vor allem die Diskriminierungen durch weibliche Rollenzuweisungen und zeigt Wege auf, wie überholte, tief in der Gesellschaft verankerte Muster überwunden werden können. Ihr Manifest „Mehr Feminismus!“ (im Original „We should all be Feminists“) wurde in Dutzende Sprachen übersetzt. Beyoncé nutzte den Text in ihrem Song „Flawless“.

Der Preis
Der mit 10.000 Euro dotierte Kasseler Bürgerpreis „Das Glas der Vernunft“ – eine gläserne Skulptur – wurde im Jahr 1990 von Kasseler Bürgerinnen und Bürgern gestiftet und ehrt Menschen, die sich in besonderer Weise um die Maximen der Aufklärung verdient gemacht haben.

Die vom Kasseler Kunstprofessor Karl Oskar Blase entworfenen Skulptur mit einem Prisma symbolisiert eine auf Vernunft, Toleranz und Transparenz gegründete Gesellschaft, zugleich aber auch ihre Zerbrechlichkeit.

Das Glas der Vernunft wurde bereits 29 Mal verliehen. Erster Preisträger war 1991 Hans-Dietrich Genscher, es folgten unter anderem Lea Rabin (1999) Ai Weiwei (2010), der Whistleblower Edward Snowden (2016) sowie der peruanische Bauer Saúl Luciano Lliuya, der den deutschen Energiekonzern RWE einer Mitverantwortung an der globalen Erwärmung beschuldigte und ihn auf Beteiligung an Schutzmaßnahmen in seinem Heimatland verklagte. Weitere Infos: www.glas-der-vernunft.de

Hinweis für die Redaktionen:
Für Rückfragen und Interview-Wünsche wenden Sie sich bitte an Bernd Leifeld, Vorstand des Stiftervereins und Sprecher der Jury, Tel. 0163-80 63 000.